Die wilden Sechziger (1)


DIE WILDEN SECHZIGER

1. Kapitel: „The Blue Beats“

1964 lernten sich im Keller des CVJM-Hauses an der Barmer Adlerbrücke zwei nicht sonderlich fromme Burschen kennen. Der eine (15) hieß Uwe Rotter und schlug sich, nachdem er wegen fortgesetzter Renitenz von der Realschule geflogen war, im an sich ehrenwerten Beruf eines „Pjb“ (= Postjungbote) durch. Der andere, ungefähr gleichaltrig, hieß Ronald Hahn und war  Schriftsetzerlehrling. Darüber hinaus waren die Jungs heftige Science Fiction-Leser. (Dieser Fakt sollte sich später zumindest auf Ronalds berufliche Existenz auswirken).

Beide waren Beatles-Fans der ersten Stunde und verblüfften sich gegenseitig damit, dass sie (obwohl des Englischen nur ansatzweise mächtig) problemlos alle neuen Scheiben ihres Leib- und Magen-Quartetts binnen kürzester Zeit nachsingen konnten.

Irgendwann 1964 hörten sie in dem schon erwähnten Keller (den die Evangelische Kirche betrieb, damit die Jugend nicht an zugigen Ecken rumstand und sich den vielzitierten „Windtripper“ holte) die Klänge einer elektrischen Gitarre - ein für die damalige Zeit unglaubliches Erlebnis. Die Gitarre spielte „Apache“ von den Shadows - und zwar so verdammt akkurat, dass unsere jungen Helden anfangs glaubten, dort fahre jemand eine Schallplatte ab. Sie betraten den Raum, aus dem die Klänge kamen und lernten das schmächtige Bürschlein kennen, das seiner Gitarre diese phantastischen Laute entlockte.

Das Bürschlein hieß Ulli Lau, kam aus Elberfeld und hatte es geschafft, dem CVJM einen Kellerraum zum Üben abzuschwatzen. Ulli und die Brüder Benny Klossek (Drums) und Dagobert Fleischhauer (Rhythmusgitarre) nannten sich - auf grammatikalisch höchst zweifelhafte Weise, was aber damals niemanden scherte - „The Rocket Man’s“ (= des Raketenmannes). Ob die Truppe je öffentlich aufgetreten ist, kann der Chronist nicht sagen***; auf jeden Fall verliert sich die Spur der Klossek-Brothers in der Finsternis der Vergangenheit. Ulli Lau hingegen war später eine flotte Laufbahn als Solomann in den unterschiedlichsten Wuppertaler Bands beschieden.

Ullis Gitarrenkünste verschaffte Uwe und Ronald auf der Stelle Stielaugen. Grün vor Neid beschlossen sie, eine eigene Band zu gründen. Dem aber standen einige Probleme im Wege: Uwe, der künftige Ringo Starr, besaß keine Schießbude. Glücklicherweise war Ronald aber mit Friedhelm Hüppop bekannt, dessen Vater in einem Karnevalsverein (!) einen schlagzeugähnlichen Gegenstand bediente und sich überreden ließ, ihn auszuleihen. Problem Nr. 2: Ronald, der künftige John Lennon, durfte zwar die Framus-Vollresonanz (Jahrgang 1955, mit zwei Tonabnehmern) seines Vaters benutzen, konnte aber leider nicht Gitarre spielen.

Als Retter in der Not tauchte Karl „Charlie“ Schwarz auf. Charlie besaß nicht nur eine Wanderklampfe, er konnte sie auch bedienen (!) und Ronalds Framus „offen“ stimmen, so dass dieser nur den linken Zeigefinger auf die Saiten zu drücken brauchte, um dem Instrument Töne zu entlocken. Als Verstärker diente, wie damals üblich, ein altes Radio.

Wow! Die Band war fertig. Was die Jungs, die sich „Cellar Rats“ (Keller-Ratten) nannten, mit Charlies Unterstützung anschließend auf die Beine stellten, war zwar nicht das Gelbe vom Ei, fand aber großen Anklang bei den Mädels, die sich, sobald die Jungs probten, vor dem offenen Kellerfenster versammelten. Uwe, Ronald, Charlie und Friedhelm kriegten bald mit, dass sie mit Interesse und Wohlwollen begafft wurden. Um noch mehr Eindruck zu schinden, kamen sie auf eine tolle Idee: Bald stand in einer uneinsehbaren Ecke des Übungskellers ein Plattenspieler, der „Twist and Shout“ röhrte, während die findigen Jungs so taten, als musizierten und sängen sie das Zeug höchstpersönlich. Dies brachte ihnen sogar bei den Mädels Ruhm ein, die zuvor nichts von ihnen hatten wissen wollen.

Irgendwann kristallisierten sich zwei eminent wichtige Dinge heraus:

1. Uwe war - zu seiner eigenen Überraschung - ein echtes Drummer-Talent.
2. Ronald war einwandfrei zu dämlich, das Gitarrenspiel zu erlernen und dabei auch noch zu singen. Er bildete sich freilich ein, gewisse Qualitäten als Sänger zu haben. (Vielleicht hatte er aber, im Gegensatz zu den meisten Menschen, nur mehr Mut, sich ans Mikro zu stellen).

In dieser Phase stießen zwei weitere Jungmusikanten zu den Cellar Rats: der dunkelhaarige, wortkarge Roland Böhm (Sologitarre; ein Schulfreund Uwes) und der hellblonde Paul Schaller (Rhythmusgitarrist und 1-A-Improvisator). Beide kamen frisch aus Horst Wesselys Gitarristenschule. Nachdem sie sich mit Uwe und Ronald zusammengetan hatten, blieben Charlie Schwarz und Friedhelm Hüppop, der den Kellerratten-Gesang durch Choreinlagen wie „Shake it up, Baby“ und „Yeah, yeah, Boys!“ verstärkt hatte, aus nicht mehr klärbaren Gründen auf der Strecke. Als Roland Böhm und Paul Schaller ihrem Lehrer die frohe Botschaft hinterbrachten, sie spielten nun in einer Band, rieb Horst Wessely sich die Hände: „Wunderbar! Sobald ihr öffentlich auftretet und Geld verdient, könnt ihr bei mir ’ne Anlage kaufen - har, har.“ Er gab ihnen außerdem den Rat, sich The Blue Beats zu nennen, ohne allerdings zu wissen, dass es in Schwelm schon eine Band dieses Namens gab, so dass aus den „Blue Beats“ später die „Blue Byrds“ werden mussten - mehr dazu in Kapitel 3).

Roland und Paul waren für die angehenden Beatstars Uwe und Ronald ein beträchtlicher Zugewinn, denn sie kannten nicht nur den Unterschied zwischen G-Septim und B-Flat, sie konnten auf ihren Höfner-Klampfen auch wirklich spielen. Den Blue Beats fehlte jetzt nur noch ein Bassist. Doch woher nehmen? Roland schleifte ihn in Gestalt des teuflisch gut aussehenden Thomas Sand an, eines kurz zuvor aus Jugoslawien eingewanderten Arbeitskollegen. Thomas war zwar musikalisch völlig unbeleckt, versprach aber, sich hurtig in das Basszupfen einzuarbeiten. Ein paar Monate später wussten Uwe und Ronald, dass sie einem der wenigen wirklichen Genies unserer Zeit begegnet waren. Ein halbes Jahr später spielte Tommy alles an die Wand.

Nach diversen Übungswochen hörten unsere Helden vom ersten Wuppertaler Beat-Band-Wettbewerb. Er sollte in der Stadthalle ablaufen. Yeah, Baby, klare Sache, dass wir da mitmachen! Schließlich konnten sie schon drei Stücke spielen: „Around and Around“, „Money“ und „Johnny B. Goode“ (in der Rattles-Version). Diese einmalige Gelegenheit, ihr Talent vor aller Welt zu demonstrieren, nutzte der listige Uwe, um seinem alten Herrn zu verdeutlichen, dass er sich mit der Karnevals-Schrottschießbude  von Herrn Hüppop senior unmöglich in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Eine eigene Lärmanlage musste her!

Rotter senior erbleichte zwar angesichts der auf ihn zukommenden Kosten, ließ sich aber breitschlagen - schließlich wollte er nicht, dass sein Junge sich blamierte! Zusammen mit Uwe trabte er zu Karl vom Kothen am Alten Markt, in dessen Schaufenster ein wunderbar glitzerndes, 950 Mark teures Tromsa-Schlagzeug stand. Er erstand es zu einem Preis, der höher war als sein Monatsgehalt.

Dass Horst Wessely in der Stadthalle nicht nur seine Verstärkeranlage, sondern auch ein Schlagzeug aufgebaut hatte, das diesen Namen wirklich verdiente, musste Uwe seinem Erzeuger leider verschweigen - sonst wäre er vermutlich nie zu einer eigenen Schießbude gekommen. Mit der Schwebebahn fuhren die Blue Beats alsdann mit leicht schlotternden Knien gen Elberfeld, um vor ca. 2000 jugendlichen Zuhörern ihren ersten Auftritt zu absolvieren. Tommy Sand beherrschte seinen Bass nach zwei Übungswochen natürlich noch nicht sooo doll - deswegen schaltete er ihn auf der Bühne heimlich aus und ersetzte sein noch nicht ganz ausgereiftes Können durch eine ordentliche Schau.

Glaubt man der Presse, fiel der Blue Beats-Auftritt nicht mal übel aus. Leider aber kamen gleich nach ihnen die in Sachen Harmoniegesang verflucht guten „Formers“ (Georg Decker, Erhard Pierlings, Hans Gerd Panczak und Gerd „Schimmel“ Oetelshoven) dran und stahlen ihnen die Schau, so dass sie nur Vizekönige des Festivals wurden...

 
***Fußnote (die sind seit Dr. Guttenberg sehr wichtig): Wie sich im Februar 2011 überraschend herausgestellt hat, sind die "Rocket Man's" tatsächlich öffentlich  aufgetreten, und zwar, man glaubt es kaum, 1961 mit der Super-WupperKrampe Werner Abé an der Leadgitarre, im Seemannsheim (Rudi Cornelius) an der Wilhelmstraße! Kuckst du unter OLLE BILDER (1)!