Die wilden Sechziger (2)


DIE WILDEN SECHZIGER
 
2. Kapitel: "The Snobs"

Während die Blue Beats zu fünft im CVJM-Kellerraum an der Barmer Adlerbrücke klampften und eine Star-Karriere anpeilten, probten im Nebenraum zwei andere Burschen – auch sie Absolventen von Horst Wesselys Gitarristenschule: Horst Kuhweide (18, Rhythmusgitarre) und Rainer Bergmann (17, Bass) waren miteinander aufgewachsen und träumten, wie zahllose andere Wuppertaler Knaben, unter dem magischen Einfluss des Beat davon, eines Tages auf den wichtigsten Brettern der Welt zu stehen - vor der Bühne Scharen kreischender Teenies.
 
Da eine Rhythmusgitarre und ein Bass aber noch keine zünftige Beat-Band ergaben, brauchten Horst und Rainer Verstärkung. Diese fanden sie in dem pilzköpfigen Drucker Peter Wesel (18, Drums) und dem mit ihm aufgewachsenen Gummibandweber Bernd Wüster (16, Rhythmusgitarre). Bernd arbeitete mit dem (anfangs) extrem kurzhaarigen Heiner („Middi“) Middeldorf (16, Sologitarre) zusammen, und der wiederum besuchte mit dem charismatischen Wolfgang „Liverpool“ Pohlmann zusammen die Berufsschule. Middi hatte Jahre zuvor ganz seriös das klassische Gitarrenspiel erlernt, sodass Bernd, noch Anfänger, es für eine gute Idee hielt, bei ihm vorstellig zu werden: „Wir gründen ’ne Beat-Band. Du kannst doch Gitarre spielen. Machste mit?“
 
„Warum nicht?“ Ein Mann, ein Wort, Batavia! Horst und Rainer taten sich mit Peter, Bernd und Middi zusammen, und die „Snobs“ waren geboren. Einen Übungsraum fand man im „bodenlosen“ Eigenheimkeller der Familie Wüster. Ein Bandname war auch schnell gefunden. Zwei Probleme machten den frischgebackenen Snobs freilich zu schaffen: Keiner beherrschte die englische Sprache in dem Maße, dass ein Engländer sie verstanden hätte (ein gängiges Problem der damaligen Zeit); und keiner traute sich richtig laut ins Mikrofon zu singen. Ein Sänger musste her!
 
Da traf es sich gut, dass Horst und Rainer im Sommer 1965 im „Griechischen Gästehaus“ auf der Friedrich-Engels-Allee den ihnen schon vom Sehen her bekannten Ronald von den Blue Beats trafen. Sie erzählten von ihrer Band und ihrem tollen Übungsraum (der nicht unter der Kontrolle der Kirche stand, die Ronald das Rauchen leider erst ab dem 16. Lebensjahr erlaubte) sowie von anderen unglaublichen Dingen, die sie - im Gegensatz zu den Blue Beats - längst besaßen: Verstärker, „Tonsäulen“ (so nannte man damals Lautsprecher), Mikrofone!
 
Ronald war schwer beeindruckt. Eine eigene Anlage! Mit einer Anlage waren öffentliche Auftritte keine Wahnvorstellung mehr! Eine Anlage bedeutete, dass das Getöse radioapparatverstärkter Gitarren seinen Gesang nicht mehr übertönen würde! Eine Anlage bedeutete Ruhm, Freibier und Groupies ohne Ende!
 
Die Anlage der Snobs übte magischen Reiz auf Ronald aus. Schon kalkulierte er die moralischen Konsequenzen einer eventuellen Fahnenflucht. Als Horst und Rainer dezent andeuteten, die Snobs täten sich mit dem Gesang etwas schwer, wusste er sofort, was zu tun war: Er deutete (ebenso dezent) an, er sei nicht abgeneigt, die Band zu wechseln. Ein Gespräch mit den restlichen Snobs wurde anberaumt. Sie begafften den Kandidaten und kamen überein, als Sextett aufzutreten.
 
Die armen Blue Beats, die nun erst mal ohne Sänger da standen (man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie Ronald das Überlaufen nicht verübelten), behalfen sich anderweitig: Drummer Uwe, dessen musikalische Interessen sich mit denen Ronalds zu 100% deckten, übernahm den Gesang (den er sich später mit Reinhard Kortwig teilte).
 
Im Keller der Wüsters wurde fleißig ein Repertoire einstudiert. Dies war nicht einfach, denn die Musiker dieser Zeit waren so bettelarm, dass sie sich die Platten kaum leisten konnten, die ihrer Kunst zur Vorlage dienen sollten. Schwerer war noch an Texte ranzukommen, denn die deutsche „Musikpresse“ wurde ausschließlich von Schwachmaten herausgegeben, die ihren Lesern zwar jeden neuen Quatsch von Caterina Valente und Vico Torriani vorstellten, aber nie auf die Idee kamen, mit den Texten der Beatles, Stones, Kinks, Animals etc. ebenso zu verfahren. In den frühen 1960er Jahren hatte man fast nur eine Möglichkeit, an das entsprechende Material heranzukommen: Man hörte sich die Songs in Kneipen-Musikboxen an oder klebte mit dem Ohr am Soldatensender BFN. Dann speicherte man sie auf der mentalen Festplatte ab und wetzte, bevor sie wieder vergessen waren, in den Übungskeller. Texte wurden in der Regel phonetisch auswendig gelernt, denn mit dem Angelsächsischen haperte es bei fast allen Bands, denn damals war es noch nicht üblich, Proll-Kindern in der Schule Fremdsprachen zu lehren.
 
Auf welch abenteuerliche Weise manche Stücke der Snobs entstanden, zeigt folgendes Beispiel: Beim Üben schlug Middi die Akkorde von „La Bamba“ an. Dafür hatte der waschechte Liverpool-Beatnik Ronald nur ein Naserümpfen übrig. Middi konnte die arrogante Reaktion nicht verstehen. Daraufhin entspann sich ungefähr folgender Dialog:
 
RONALD: „So ’n Scheiß sing ich nicht!“
MIDDI: „Und warum nicht, wenn man fragen darf?“
RONALD: „Das ist doch kein Beat! Das ist doch nur so ’n Schlagerscheiß.“
MIDDI: „Ja, Mann, aber der Titel ist bekannt! Und außerdem kann ich ihn spielen! Wenn wir ihn üben, haben wir ’n Stück mehr in unserem Repertoire!“
RONALD: „La Bamba! Pah! Schlagerscheiße! Nie und nimmer! Nur über meine Leiche!“
Daraufhin spielte Middi noch mal den „La Bamba“-Riff. Ronald spitzte die Ohren. Ihm fiel schlagartig ein bombiger Auftritt der Formers in der Stadthalle ein.
RONALD: „He, spiel das noch mal... Das erinnert mich an was...“
Heiner spielte „La Bamba“: Da-dam-da, da-dam-da, da-dam-da! Ronald sperrte die Öhrchen auf und sang dazu - aber nicht „La Bamba“, sondern „I Took my Baby Home“ (Kinks). Der Text passte zur Musik. Irgendwann zeigte sich auch, dass die „La Bamba“-Musik auch zu „Twist and Shout“ passte. So konnten die Snobs mit zwei neuen Stücken glänzen!

 
The Snobs in Äktschn: v.l.n.r. Rainer Bergmann (Bass), Peter Wesel (Drums), Ronald Hahn (Gesang), Heiner Middeldorf (Gitarre), Horst Kuhweide (Gitarre).

Ruhm, Ehre, Freibier und Groupies folgten bald: Peter Wesel, der drummende Drucker, lernte einen gewissen „Bartmann“ kennen, dem in einem am Rande von Wuppertal gelegenen Nest namens Schee eine große Tränke namens Quellenburg gehörte. In Schee war der Hund begraben, deswegen wollte der „Bartmann“ seinen Laden bei der Wuppertaler Jugend bekannt machen. Also engagierte er die Snobs, die inzwischen fast 50 Stücke spielen konnten, für vier Wochenenden. Aus dem einen Monat wurde wegen des großen Erfolgs drei. Da der „Bartmann“ aber nicht nur bärtig war, sondern auch so knauserig wie Dagobert Duck, fiel es ihm nicht ein, die Snobs für ihre Kunst zu honorieren: „Ihr kassiert den Eintritt“, sagte er. „Ich verkauf mein Bier.“
 
Die Snobs waren trotzdem einverstanden. Vermutlich hätten sie damals, genügend Bares vorausgesetzt, selbst dafür bezahlt, um endlich auftreten zu können. Eine Woche vor Beginn ihres Engagements pirschten die Jungs durch die abendliche Barmer Innenstadt und klebten auf dem Werth, der Höhne und dem Alten Markt illegal massenhaft Plakate, die Drucker Peter für einen Äpfel und ein paar Eier bei der Firma IMO gedruckt hatte. Zwar lag das Lokal Quellenburg fern von der großen Welt, doch war sie mit der die Buslinie „B“ gut zu erreichen. Als der Tag des ersten Auftritts nahte, tanzten zur Überraschung der Snobs Scharen mattentragende Barmer und miniberockte Barmerinnen in Schee. Die Snobs waren ein solcher Hit, dass der „Bartmann“ sich bald fragte, ob er ihnen nicht lieber den Gewinn aus dem Bierumsatz hätte geben und die Eintrittsknete selbst einstreichen sollen.
 
Die Band scheffelte so viel Kohle, dass sie es sich kurz darauf leisten konnte, beim Musikhaus Wessely für die horrende Summe von 6.000 Mark eine nagelneue Gesangsanlage zu kaufen. Aber nicht auf Ratata! Als Finanzier fand sich Horst Kuhweides Bruder, denn der hatte ein Sparbuch (Juhuu!) und konnte das Geld vorstrecken. Von nun an durfte er bis zum Ende des Jahrzehnts sämtliche Snobs-Gagen einstreichen...