Die wilden Sechziger (3)


DIE WILDEN SECHZIGER

3. Kapitel: The Blue Byrds

Uwe packt aus!

 
Die Vorgeschichte der „Blue Beats“ hat Ronald bereits erzählt.

Was noch zu erwähnen wäre, sind ein paar Details, die er nicht kennen kann. Das geliehene Schlagzeug von Friedhelms Vater war ein Hammer. Für die Experten: Es handelte sich hierbei um ein Set mit einer 26er Bassdrum, einer 14x5 ½ Snare mit innen liegendem Teppich und einem 14er Tom. Alles mit Naturfellen bestückt. Das Becken hing an einer Lederschlaufe an einem Arm, der mitten aus der Bassdrum kam. Natürlich war ich geil auf ein „richtiges“ Set. War aber ein finanzielles Problem. Meine Eltern hatten nicht das Geld und ich war gerade mal fünfzehn. Also wurde nach möglichst günstigen Drums Ausschau gehalten.

Das einzige, aus meiner damaligen Sicht akzeptable Komplett-Set sah ich am Alten Markt bei Karl vom Kothen im Fenster. Mit einem Preis von 900,-- DM kam es mir erschwinglich vor und ich habe meinen alten Herrn mindestens sechs Wochen bekniet, mir dieses Teil zu kaufen. Während dieser Zeit war ich fast jeden Tag am Alten Markt, um mich zu vergewissern, dass das Schlagzeug noch da war. Mein entscheidendes Argument war dann ein bevorstehender Auftritt in der Stadthalle. Es war natürlich unmöglich, dass ich ohne ein vernünftiges Schlagzeug dort auftreten sollte. Also kaufte mir mein Vater die Schießbude aus dem Schaufenster: Ein TROMSA in Gold-Glimmer! (Irgendwie hatte ich vergessen, meinem Vater zu erzählen, dass in der Stadthalle eine komplette Anlage für alle Bands zur Verfügung stand.)

Nachdem wir als „Blue Beats“ beim Beatfestival in der Stadthalle auf Anhieb Erfolg hatten und den dritten Platz belegten, erfuhren wir, dass in Schwelm ebenfalls eine Band unter diesem Namen bekannt war. Um Verwechslungen zu vermeiden, musste schnell ein anderer her. Einfallsreich, wie wir waren, kamen wir ohne Umschweife auf „Blue Byrds“ (mit „y“, das war wichtig!). Der neue Name stand somit fest.
 
Unter diesem Namen waren wir dann auch für einen Auftritt in der Stadthalle in Oberhausen angemeldet. Ronald, unser Frontman, wollte uns just zu dieser Zeit wegen des schnöden Mammons verlassen und zu den „Snobs“ gehen, obwohl der Auftritt in Oberhausen bereits feststand. Da außer Ronald zu dieser Zeit keiner von uns singen wollte (und konnte), haben wir zunächst einmal Kalle (Charly) Schwarz gefragt, von dem wir wussten, dass er eine gute Stimme hat und auch singen konnte. Die erste Bewährungsprobe bestand dann in einem Auftritt in der „Loher Ampel“, der dann auch kräftig danebenging.

Allerdings lag dies nicht an Charly, sondern an der Tatsache, dass wir ohne unseren Rhythmusgitarristen Paul Schaller antreten mussten. Dessen Vater hatte ihm nämlich wegen des hervorragend guten Rufs der „Loher Ampel“ untersagt, dort aufzutreten (Das Untersagen bestand darin, dass Paul ohne Vorwarnung am Tag des Auftritts einfach nicht aus dem Haus gelassen wurde.). Da war nichts zu machen, schließlich waren wir gerade mal 15 oder 16, und in den frühen 60ern hatte man damit schon schlechte Karten.

Charly hat an dem Abend seine Sache gut gemacht, obwohl wir vorher keine Gelegenheit zur Probe hatten. Aber für den anstehenden Auftritt in der Stadthalle Oberhausen, war uns Charly dann doch mit seinem Gesang „zu lieb“. Schließlich waren wir (und auch unsere 11 Fans) das dreckige Gegröle von Ronald bei Stücken wie „Around And Around“, „Money“, „Carol“, „Off The Hook“ etc. gewöhnt.

Der Termin in Oberhausen rückte immer näher, ohne dass wir einen passenden Sänger finden konnten, und so haben wir Ronald bekniet, wenigstens diesen Stadthallenpart noch mit durchzuziehen. Er war dann auch gnädig dazu bereit. Allerdings bestand er darauf, dass wir auf den Plakaten als „Ronny and The Blue Byrds“ angekündigt werden sollten [EY! UNBEDINGT DIE FUSSNOTE BEACHTEN! ***]. Von diesem Vorschlag waren Paul, Roland, Thommy und ich dermaßen begeistert, dass wir nach reiflicher Überlegung einstimmig beschlossen: „Das machen wir ohne Sänger!“ Hintergrund dieser Einstimmigkeit war meine große Fresse, mit der ich die anderen drei davon überzeugt hatte: „Gebt mir ein Mikro und ich singe Ronald in Grund und Boden!“

Also sind wir in Oberhausen zu viert angetreten. Da es sich herausstellte, dass Gesang und Schlagzeug gleichzeitig doch nicht ganz so einfach war, haben wir deutlich mehr Instrumental- als Gesangsstücke gespielt, was das Publikum allerdings nicht von den Sitzen reißen konnte. Einziger positiver Aspekt an diesem Tag: Ich hatte mein Debüt als Schlagzeuger und Sänger hinter mir. Wir haben dann auch nie mehr über diesen Auftritt in Oberhausen gesprochen.

Es war Thommy, der dann ein paar Wochen später mit Reinhard Kortwig kam, der in seiner Nachbarschaft wohnte. „Reinhard macht bei uns als Sänger mit“, verkündete er. Nach der ersten gemeinsamen Probe stand dann für uns fest: Den nehmen wir, der kann singen und der kann Englisch! Von da an waren die Blue Byrds wieder zu fünft.


Die Blue Byrds 1965: Paul Schaller, Roland Böhm,
Thomas Sand. Unten: Uwe Rotter, Reinhard Kortwig.

Nach einigen Auftritten, u.a. im alten „Impuls“ am Döppersberg (viertes Untergeschoss), stellte sich dann aber heraus, dass Reinhard zwar gut singen konnte, aber nicht das Stimmvolumen hatte, sich bei den härteren Sachen gesanglich gegen die mittlerweile angeschafften Fender-Verstärker für die Gitarren und den Bassking durchzusetzen. Unsere Gesangsanlage mit Eminent, Echocord und zwei Echolette LE2N schaffte es nicht, Reinhards Stimme ohne Rückkopplung nach vorne zu bringen.

Im Prinzip kein allzu großes Problem, denn ich konnte ja inzwischen singen und dabei Schlagzeug spielen. Aber was macht der Frontman, während der Schlagzeuger singt? Dumm rumstehen? Ging also nicht.
Die Lösung fanden wir, als Reinhard Interesse an den Drums bekundete und sich bei einem Versuch herausstellte, dass er offensichtlich Talent besaß (er wurde später ein guter Drummer). Ich zeigte ihm also, was er machen sollte und er machte es einfach. Und so kam es, dass wir während der Auftritte immer dann einen fliegenden Wechsel vollzogen, wenn die etwas härteren Stücke angesagt waren. Reinhard war dann der Drummer und ich der Frontman. Ich mag nicht beurteilen, ob ich diese Stücke besser singen konnte, aber zumindest hatte ich die kräftigere Stimme und kam damit ohne Probleme durch.

Im Verlauf des Jahres 1965 folgten dann ununterbrochen Engagements bei „Anni“, im „Roxy“, bei „Onkel Toni“, in der „Quellenburg“ und in einigen umliegenden Dörfern. Besonders erwähnen muss ich in diesem Zusammenhang unseren „Manager“ Hans-Gerd Kehl, der mit unermüdlichem Enthusiasmus dafür gesorgt hat, dass die Engagements nicht abrissen. Er war eben von uns überzeugt. Darüber hinaus war er schon 18, besaß ein Auto und hat uns und unser Equipment zu allen Gigs gefahren. Geholfen hat später bei der Fahrerei auch ein weiterer Fan, der bereits ein Auto besaß. Seinen Namen habe ich nie gekannt, er wurde von allen nur „Keule“ genannt. Hier noch einmal einen besonderen Dank an Hans-Gerd Kehl und an „Keule“.

Einige Highlights, die ich nicht vergessen werde:
Thomas Sand, der später ein begnadeter Jazz-Bassist und Virtuose auf dem Kontrabass wurde, benutzte für seine Bassgitarre (Höfner, kunstlederbezogen) keinen Gurt, sondern hatte sich stattdessen ein breites, starkes Gummiband angefertigt. Während des Spielens drückte er dann den Bass nach unten bis auf die Knie und ließ ihn anschließend wieder hochschnellen. Dabei tappste er sehr auffällig völlig gegen den Takt mit den Füßen.
Es sah genial aus, aber immer wenn Sologitarrist Roland Böhm, der damals auf den Spitznamen „Trunki“ (Verniedlichung von „Trunkenbold“) hörte, hinsah, geriet er völlig außer Fassung und hat sich dann häufig verspielt.
Wenn Roland sich verspielte, verhielt er sich einzigartig. Ich habe nie wieder jemanden kennen gelernt, der bei einem Patzer so eindrucksvoll seinem Verstärker einen vernichtenden Blick zuwerfen konnte, weil der einen Fehler gemacht hat.

Eine der schönsten Geschichten spielte im „Roxy“. Es war Winter, entsprechend kalt, und wir hatten im Verlauf des Abends ganz schön gebechert. Während eines Sets sagte Roland zu Thomas, dass ihm wohl inzwischen recht warm wäre. Fürsorglich, wie Thomas nun mal war, hat er dann auf der Bühne, als Roland mit einem Solopart dran war, diesem zur Kühlung die Hosenbeine hochgekrempelt. Roland versuchte vehement, das zu verhindern, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Warum, sah man anschließend, und ein Aufschrei und grölendes Gelächter aus dem Publikum schallte durchs Roxy: Roland hatte lange Unterhosen an! Ein Bild für die Götter.

Ein tolles Erlebnis hatten wir an einem Silvesterabend in der Tanzschule Wagner in Solingen. Ich weiß nicht mehr, wie dieses Engagement zustande kam, denn wir waren im Dezember und Januar im Roxy gebucht. Wir haben für diesen einen Tag im Roxy alles abgebaut, nach Solingen geschleppt und am Neujahrstag alles im umgekehrter Reihenfolge praktiziert (Ich glaube, im Roxy haben an diesem Silvester die „Consuls“ an unserer Stelle gespielt).

Eigentlich hatten wir Schiss vor dem Auftritt in der Tanzschule Wagner, denn wir hatten erfahren, dass dort die „Drifters“ die Hausband waren, und die empfanden wir um Klassen besser als uns selbst. Warum die an diesem Tag nicht konnten, weiß ich nicht mehr. Wir also mit gemischten Gefühlen dorthin, mit etwas, was wir bisher nicht kannten: fürchterliches Lampenfieber.

Dann die Überraschung: Ein Superpublikum spornte uns zu Höchstleistungen an und hat anschließend sogar zusammengeschmissen, damit wir eine Stunde länger spielten, als mit dem Veranstalter vereinbart war. So gut, wie an diesem Silvester, waren wir nie wieder! Etliche Leute aus dem Publikum kamen sogar am nächsten Tag von Solingen nach Langerfeld ins Roxy.
 
Etwas, was außer uns wohl keinem gelungen ist, konnte man dann im Kino sehen. Irgendwie hatten wir „Onkel Toni“ glaubhaft versichert, dass es der Knaller wäre, Kinowerbung für „Onkel Toni’s Saalbetriebe“ zu machen, vor allem, wenn „The Blue Byrds“ gerade dort spielen. Und so saßen wir alle gemeinsam im Barmer „Fita-Palast“ und warteten darauf, dass der Vorfilm endlich zu Ende war. Denn dann kam die Werbung und wir konnten endlich unseren Bandnamen auf der riesigen Leinwand im Fita bewundern. Der Hauptfilm hat uns dann nicht mehr interessiert.
 
*** Fußnote: 40 Jahre später wird Ronald, als er diese Geschichte hört, schamrot! Er kann sich an rein gar nichts erinnern und schreibt diesen Anfall von Größenwahn einem der 42 Glas Wasser zu, die er abends zuvor genossen hat und von denen eins (das Letzte) schlecht gewesen sein muss...