Die wilden Sechziger (5)


DIE WILDEN SECHZIGER

5. Kapitel: Ronald erzählt: Die Snobs sahnen ab!
 
1965: Das erste Engagement, für das es auch eine richtige Gage geben sollte, führt die frischgebackenen Wuppertaler Beatniks in ein Hotel (!) nach Bielstein. Dessen Besitzer möchte mit der „Zeit“ gehen und Gästen, die am Wochenende zum Schwofen mit dem Bus anreisen, „moderne Musik“ bieten.
Was kann da wohl geeigneter sein als der so genannte Beat, der derzeit in aller Munde ist?
Drummer Peter, der den Gig an Land zieht, fragt den Hotelier, ob er weiß, was wir machen. Ja, sicher, sagt der Mann. Später stellt sich raus, dass er sich sowas wie „die jungen Leute von heute“ vorgestellt hat: Conny und Peter etc.

Die Snobs werden ohne vorzuspielen - mit Vertrag und allem Zipp und Zapp - für vier Wochenenden engagiert!

Das Hotel hat ’ne schöne Bühne. Als die Gäste antanzen, piekvornehm, weißes Hemd, Krawatte, Anzug, denken die Snobs sich nix dabei, denn damals war es – Kinder, aufgepasst! – an Wochenenden völlig normal, dass man nicht wie der letzte Heckenpenner rumlief und der Zwickel der Jeans auf der Höhe der Kniekehlen hing. Dass die Gäste vom Alter her unsere Eltern hätten sein können, war schon was anderes. Aber, denkt sich der Snob: Unsere Generation kommt noch.
Denkste!

Nach der ersten Runde zeigt sich, dass der Hotelier nicht weiß, was er sich mit uns ins Haus geschleppt hat: Seine Gäste sind heftig irritiert, als wir ihnen „Zip-A-Dee-Doo-Dah“ in die Gehörgänge brüllen: Sie verlassen reihenweise die Tanzfläche und eilen raus, um bei der Konkurrenz nebenan am Tresen einen zu heben. Ronald raunt den Kollegen nach dem ersten Set zu: „Das geht so nicht weiter... Ich schlag vor, Ihr zieht mal die Shadows- und Spotnicks-Abteilung durch. Ich misch mich derweil unters Publikum, hebe einen und erkundige mich nach der Stimmung.“



Ronald, A.D. 1964 (vor dem Band-Bus, einem Ford)

Die Stimmung ist deutlich: Die Spießer empfinden Stücke wie „You Really Got Me“, „Jack the Ripper“ und „Satisfaction“ als laut und außerdem... Warum müssen die langhaarigen Affen alles in englischer Sprache singen, hm? Wie wär's denn mal mit Adelheid, schenk mir einen Gartenzwerg?

Der Schluss ist schnell gezogen: Ronald hat, wenn er nicht gerade einen Schmusesong wie „And I Love Her“ singt, an diesem Abend viel Freizeit, denn die Snobs machen jede Menge Instrumentales, nach dem die alten Leute schwofen können. Nach dem Ende der Vorstellung verziehen sich die Musikanten in eins ihrer beiden toll eingerichteten Hotelzimmer und besprechen die Lage. Nur einer fehlt: Peter, der Drummer. Nach einer Stunde kommt er rein und schwenkt triumphierend 1.200 DM Bargeld!

Wie sich herausstellt, hat der Hotelier alles versucht, um den mit den Wuppertaler Pilzköpfen geschlossenen Vertrag zu kündigen. Aber da hat er die Rechnung ohne den wortgewandten Peter gemacht, der ihm vorstrunzt, er wäre „beim Gericht beschäftigt“ und wüsste, dass er damit nie durchkäme: „Keine Band kriegt mitten im Monat ein Angaschmang, das ist Ihnen doch wohl klar, mein guter Mann.“

Der Hotelier, ein echter Ehrenmann, sieht dies seufzend ein und zeigt sich schließlich froh, dass er die sein Geschäft schädigenden Snobs gegen Auszahlung der gesamten Monatsgage loswird. Die steinreichen Jungs pennen wie die Murmeltiere eine Nacht in seinem feinen Hotel.

Ein schönes Erlebnis hat der wackere Ronald trotzdem noch: Im Publikum sitzt, wie sich in der ersten Pause zeigt, ein waschechter Liverpooler, der ihn im heimatlichen Slang fröhlich anspricht, da er ihn einen Landsmann hält. Niemand ist platter als Ronald, der dem Tommy schamrot gestehen muss, dass sein Englisch nur rudimentär entwickelt ist und seine Aussprache auf dem abgehörten Genuschel jener Liverpool-Bands basiert, deren Platten er gehört hat.