Die wilden Sechziger (6)


DIE WILDEN SECHZIGER

6. Kapitel: Ronald quakt über dies & das
 
 
Im Nachhinein kommt es einem fast unglaublich vor, was man als junger Spund im 20. Jahrhundert für Dinger gedreht und überlebt hat, obwohl es noch keine Kindersicherung für nix gab und die Obrigkeit Delinquenten nicht ermahnt, sondern verdroschen hat: Wir haben uns mit 14 in Filme ab 16, und mit 15 in Filme ab 18 geschmuggelt. Wir saßen mit 15 Jahren im Kothener Busch auf Parkbänken oder an der Bevertalsperre auf der Wiese und haben Flaschenbier geschlappt. Wir haben wie die Ketzer gequalmt, dreckige Witze erzählt und uns in Kneipen rumgetrieben, in denen die Jugend von 2011 heute noch mit 18 den Ausweis zücken muss.
 
An Samstag- und Sonntagnachmittagen hat man dann massenhaft Adrenalin produziert, z.B. wenn man 15 war und in einem Film ab 16 saß und wenn mitten im Film urplötzlich Polizisten ins Kino kamen (im schlimmsten Fall Gunnar K’s Alter, ein besonders harter Vertreter der Staatsmacht). Dann beteten auch die Ungläubigen: Lieber Gott, lass sie zu der faulen Truppe gehören, die sich für ’ne Viertelstunde in die letzte Reihe setzt, sich den Film ankuckt und wieder abhaut.
 
Bis zum 15. Lebensjahr musste ich abends um 20.00 Uhr zu Hause sein. Als ich bei den Snobs Sachen wie „House of the Rising Sun“, „Money“ und „I Took my Baby Home“ sang, änderte sich über Nacht alles. Harry, mein Alter (damals 35), hatte Jahre zuvor ebenfalls Musik gemacht: bei den „Mauna Kea Hawaiians“, die sich wiederum an den „Kilima Hawaiians“ aus Holland ein Beispiel nahmen. Wie die Formation genau aussah, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, dass neben meinem Vater und seinem Kumpel Günter Hengstwerth auch das Hawaiigitarren-Ass Günter Heckersbruch dazu gehörte (später bei "Blue Mountain Express" u.a. aktiv).

 

FOTO: Harry und Günter von den „Mauna Kea Hawaiians“
 
Da ich nun selbst so eine Art Musiker war, gestand Harry mir alles zu, ohne dass ich drum bitten musste: Plötzlich war es überhaupt kein Thema mehr, wann ich nach Hause kam. (Und das, obwohl man damals erst mit 21 volljährig war und unter 18jährige um 21.00 Uhr das Tanzlokal zu verlassen hatten). Wenn die Snobs in der Quellenburg, einem schon damals sehr alten Gemäuer in dem kleinen Nest Schee spielten (wenn meine Erinnerung stimmt, waren wir da jedes Jahr zwei bis drei Monate aktiv), kam ich natürlich erst nach Hause, wenn Peter Wesel oder Horst Kuhweide (die einzigen Snobs mit Auto) nach Hause fuhren. Wichtig war ihm nur, dass ich seine Maurer-Maxime erfüllte: „Wer saufen oder bis nach Mitternacht Musik machen kann, kann auch arbeiten.“
 
 
FOTO: Die Quellenburg in der Kaiserzeit
 
Ich kam zwar schon als Lehrling jeden Tag 5 Minuten zu spät, aber ich habe nie blau gemacht. Irgendwann gewann ich auch den Respekt von Helmut Heinemann, meinem Lehrmeister. Am Anfang hatte er noch sein Entsetzen darüber bekundet, dass ich es wagte, in einer „Kaschemme“ wie dem „Wilhelmsstübchen“ zu verkehren, [HEY, JETZT ABER WIE DER BLITZ DIE FUSSNOTE GANZ UNTEN LESEN!], doch nun erkannte er wohl, dass ich im Begriff war, erwachsen zu werden: Wer öffentlich auftritt, und u.a. auch schon in der Stadthalle auf der Bühne gestanden hatte, konnte keine absolute Null sein! Nachdem es im 1. Lehrjahr noch geheißen hatte „Wenn du Montag nicht beim Friseur warst, brauchst du nicht wiederzukommen“, fuhr Meister Heinemann mich nun, nachdem ein paar Überstunden in seinem Betrieb abgerissen hatte, höchstpersönlich in die Kleine Bandstraße, wo wir in Emmys Rockschuppen mit einem Dutzend anderer Wuppertaler Bands um einen Preis wetteiferten, den wir nicht kriegten. Anschließend saß ich mit Wolfgang Petzold und Heiner Boos von den Beatkids und Manni Devereaux, der ’ne Woche später nach Ottawa zog, in einer Ecke und schlappte einen. (Die Snobs machten, wie immer, seufz, den zweiten Platz. Ich erinnere mich, dass wir „Bye Bye, Johnny“ und „Get Off of My Cloud“ spielten (den Text erfand ich aus dem Stegreif, die Platte war ja erst  eine Woche zuvor auf den Markt gekommen).
 
 
FUSSNOTE: 1965, als ich im 2. Lehrjahr war, lag der Zweite Weltkrieg gerade mal 20 Jahre hinter uns. Für einen Spund meines Alters lag der natürlich fast so weit zurück wie die Entdeckung Amerikas. Nicht aber für meinen Boss, der erst 38 war und die Scheiße am eigenen Leib (Kriegsgefangenschaft in Sibirien inklusive) miterlebt hatte. Als Nordstädter war ihm die Wilhelmstraße aus seiner Jugend noch gut in Erinnerung – und speziell das „Wilhelmsstübchen“, das im Dritten Reich die Stammkneipe von Adolfs SA-Schlägern war.