Die wilden Sechziger (7)


 

DIE WILDEN SECHZIGER
 
7. Kapitel: On the Road
 
 
Das Schöne am Musikerdasein der 1960er Jahre war auch, dass man bekannt wurde! Na ja, nicht ganz so bekannt wie John, Paul, George und Ringo. Aber immerhin so bekannt, dass man auf der Straße von Mädchen gegrüßt wurde, die man wegen der schlechten Lichtverhältnisse in den Wuppertaler Beatschuppen nie genau gesehen hatte. (Natürlich war ich schon damals so kurzsichtig wie ein Maulwurf, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, auf der Bühne meine schwarze Hornbrille aufzusetzen! Ein Beatnik mit Brille? Unmöglich!
Schaut euch Buddy Holly an! 




Der sah mit seinem Nasenfahrrad doch aus wie ein Oberdepp! Hätte man sein Gesicht damals auf Hüllen seiner Platten gedruckt, wären die Mädels kreischend weggelaufen! Von Mädchen gegrüßt zu werden gefiel mir, und auch den anderen Snobs und meinem Spezi Uwe; ein Lügenbalg, wer das Gegenteil behauptet!)

Als Snob kam ich echt rum: Allein im Januar 1966 haben wir neunmal bei Anni und Heinz Rost in der Charlottenstraße 32 auf dem Ölberg gespielt. Am 21.1. lief der Beates-Film „Hi-Hi-Hilfe!“ an, den wir uns natürlich nicht entgehen ließen. Tags drauf düsten wir nach Hückeswagen in den altehrwürdigen Gasthof „Zur Krone“, der vermutlich noch heute oben auf dem Hügel liegt, nicht fern vom Schloss. Da traten die in Wuppertaler Musikerkreisen großen Respekt genießenden Beatkids auf, die jede Menge Stones- und Pretty Things-Stücke spielten, bei denen mein Berufschulkumpan Wolfgang Petzold die Rhythmusklampfe machte. Der Leadgitarrist der Beatkids war der pummelige Lockenkopf Heiner. Den nannte aber kein Mensch so, weil er  unter seinem Alias „Memphis“ viel bekannter war. Was der Junge aus seiner 98-Mark-Versandhausgitarre rausholte, ließ alle Gitarrenschrapper im Tal vor Neid ergrünen.
 
Wir fuhren aber nicht nur nach Hückeswagen, um die tollen Beatkids und ihren begabten Sänger Bernie zu bestaunen, sondern auch zum Vorspielen. Der Wirt war mit dem Vorspiel zufrieden (seine Frau hat sich nicht geäußert, aber wir nehmen  an, dass auch sie zufrieden war), denn schon eine Woche später standen die Snobs auf der Kronen-Bühne und machten „Zip-A-Dee-Doo-Dah“, „Satisfaction“, „Bye Bye, Johnny“ und ähnlichen Kram.

In der Pause wurde uns von der Geschäftsleitung mitgeteilt, es hätte sich telefonisch ein Typ namens Peter Nelles avisiert, der uns seine Aufwartung machen wolle. Pah, dachte ich, wer ist schon Peter Nelles? Mit dem Namen kann man doch kein Held sein! Während der Show kam er dann rein und präsentiert sich als Veranstalter auf der Suche nach neuen Talenten.

Ich weiß nicht, ob die anderen Snobs an Plattenverträge, Fernsehauftritte und ähnlichen Unfug dachten, aber ich malte mir ein paar hübsche Gigs im Bergischen Umland aus. Und ich hatte Recht! Wir gefielen dem wackeren Peter! Er engagierte uns für zahllose Auftritte im Umkreis von Wipperfürth, wobei mir besonders ein gastfreundliches Örtchen namens Hartegasse in Erinnerung geblieben ist.

Der Abend im Gasthof Zur Krone wird mir aber auch aus anderen Gründen unvergesslich bleiben: Als wir zur Geisterstunde Feierabend machen wollten, bewerfen uns die Gäste mit Flaschen!
Ich weiß nicht, was schlimmer war: dass es Flaschen oder leere Flaschen waren!
Um ungeschoren nach Hause zu kommen, mussten wir noch ein paar Zugaben schrammeln.
Immerhin waren wir gut genug angekommen, um unseren Gig am nächsten Tag wiederholen zu dürfen.

Anfang Februar traten wir in Volmarstein vor dem dankbarsten Publikum auf, das ich je gesehen habe; den Gig hatte uns mein späterer Schwager vermittelt. Auch dieser Tag wird mir auf ewig unvergesslich bleiben: Gleichzeitig stand nämlich im „Haus der Musik“ in der Wuppertaler Wilhelmstraße ein gewisser Benny Quick auf der Bühne. Ich hab ja nichts gegen den Mann (auch wenn Bob Dylan mir lieber ist), aber dass meine Liebste diesen Kasper den Snobs vorgezogen hat, konnte ich lange Zeit seelisch kaum verkraften!

Im Februar fanden sich die Snobs (dank des cleveren Peter) zu einem Auftritt in der bergischen Metropole Wipperfürth ein! Als wir von Hückeswagen aus durch Ober-, Mittel-, Unter-, Holz- Klas- und Böswipper fuhren, sahen wir zu unserer maßlosen Verblüffung an jedem Hühnerstall riesige Plakate hängen, auf denen stand: „The Snobs - bekannt durch Fernsehen und Radio Luxemburg.“

Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken, denn eins kann ich nicht ab: Menschen, die schlimmer übertreiben als ich. Den Snobs klappte kollektiv der Kiefer runter. Aber der Saal, in dem wir auftraten, war voll! Nelles hatte sogar zwei Vorgruppen organisiert, die sich vermutlich freuten, mit uns „berühmten Typen“ aufzutreten. Wir fühlten uns wie die Beatles!