Tagebuch 08-2012


19.8.2012: Bei einer kürzlich erfolgten Geburtstagsparty im Unterbarmer CCB-Palast erkundigte sich bei mir ein hochtalentierter junger Bassist, wer eigentlich die hochbegabte Kraft sei, die sich hin und wieder schriftlich auf der Krampen-Homepage über Gott und die Welt sowie die Musikanten in unserem Tal auslässt.

Leider verbot mir die Bescheidenheit, dem wackeren Mann seinen guten Geschmack zu bestätigen (dann hätte ich mich ja enttarnen müssen), doch ich fühlte mich daran erinnert, dass die hochbegabte Kraft, die seit geraumer Zeit keine Zeile mehr geschunden hat, an den Vertrag zu erinnern, den sie einst mit eigenem Blute unterschrieb: "Die hochbegabte Kraft verpflichtet sich hiermit, einmal im Monat auf mindestens 2 Manuskriptseiten (á 30 Zeilen zu je 60 Anschlägen) Erhellendes und/oder Drolliges aus ihrem Leben zu berichten."

Zeitgleich flatterte den Damen in unserem Sekretariat aus dem fernen Asien die Anfrage auf den Schreibtisch: Wie, zum Henker, fragte Herr H.H., sei es Ronnie von den WupperKrampen neben seinen zahlreichen anderen zeitraubenden (kulturell wertvollen) Tätigkeiten gelungen, so praktisch nebenher das Gitarrenspiel zu erlernen?

"Wat?", sagte Ronnie, mit dieser Frage früh am Morgen konfrontiert: "Ich soll Gitarre spielen können?" (Im Hintergrund lachte jemand. Ich glaube, es war Erich Kläppton). Doch dann ging er in sich und sagte: "Welch interessante Frage, Hoheit... Lasst mich darüber nachdenken." In der Mittagspause nahm er sich dann einen Bleistift und brachte folgenden Aufsatz zu Papier:


Hinner hat mich gefragt, seit wann ich Gitarre spiele.

Hier ist nun die Antwort.

2001 schenkten mir die besten Töchter der Welt eine Eintrittskarte für eine Veranstaltung in der Wuppertaler Stadthalle, die sich seit geraumer Zeit „Historische Stadthalle“ nennt, da der alte Name irgendwem zu popelig war und die städtischen Imageberater irgendeine kreative Tätigkeit auf ihre Rechnung schreiben mussten. Die Veranstaltung war ein Musical, das vom Aufstieg der Beatles handelte. Im Foyer stieß ich unverhofft auf meinen alten Spezi U., den ich ewig nicht gesehen hatte, da er in Übersee mit lockerer Hand Millionen scheffelte (und auf den Kopf haute), während ich unter den Wupperbrücken pennte. U. war des Luxuslebens aber überdrüssig geworden und mit Sack und Pack, 3 Schlagzeugen, 15 Gitarren, 20 Verstärkern und 800 Mikrofonen in seine Vaterstadt zurückgekehrt, wo er in einer Unterbarmer Katakombe mit einigen mir unbekannten Jungs Musik machte. Einer dieser Jungs, Günther mit Namen, meinte irgendwann, als wir in der Pause ’n Fläschken Wasser tranken: „Wie ich höre, hast du dich früher auch mal der Gitarre versucht, blah blah blah und so weiter...“

Versucht drückt es aus. Meine Versuche, gleichzeitig zu spielen und zu singen endeten immer damit, dass ich mit dem Spielen aufhörte. Ich war auch zu faul zum Üben, zu undiszipliniert und mit meinen 5 Mark Taschengeld zu arm, um mir Gitarrenunterricht leisten zu können. Als Günther mich ansprach, hatte ich sogar die 4 Griffe vergessen, die ich 1964 gelernt hatte. In den frühen 1980er Jahren wollte ich es aber noch mal wissen: Ich kaufte mir das für Deppen wie mich genau richtige GITARRENBUCH von Peter Bursch, lieh mir von Wolfgang Teiner eine Klampfe, die noch heute in meinem Keller steht und versuchte es noch mal. Nach der langen Zeit hatte ich vergessen, dass man, wenn man Klampfespielen lernen will, als Erstes lernt, dass man Blasen an den Fingern kriegt. Es war die Hölle! Nach fünf Tagen, an denen ich jeweils ’ne halbe Stunde geübt hatte, war die Luft raus... Ich hatte mich 1977 selbständig gemacht. Meine Auftragslage war famos. Mir taten die Finger weh. Auf der Suche nach einem Grund, die Sache wieder aufzustecken, redete ich mir ein, dass die Zeit des Beats doch längst vorbei war und keine Sau auf mich wartete. Ich hatte keinerlei Kontakte zu den Musikanten im Tal. Ich wusste nicht mal, dass es hier eine lebhafte Szene gab, in der viele Leute zugange waren, die ich noch aus alten Zeiten kannte, die es nie aufgegeben hatten. Aber ich: Ich gab wieder auf.

Bei den wöchentlichen Band-Proben in der Katakombe fehlte ich nie. Hin und wieder durfte ich auch mal ’n Lied mitsingen. Ich hatte Spaß an dem, was die Jungs so trieben und fragte mich gelegentlich: Willzet nomma versuchen? Um 2004, Wolfgang Teiners Klampfe war halb tot und ließ sich nicht mehr stimmen, lieh ich mir eine andere Gitarre; diesmal von Gerd Held, einem ehemaligen Pfadfinder. Die können ja alle Klampfe spielen. Da ich Peter Burschs Buch Anfang der 1980er Jahre unserer Nachbarstochter Jennifer geschenkt hatte, musste ich mir ein neues Exemplar kaufen.

Diesmal schwor ich mir, um keinen Preis aufzugeben! Ich habe dann zwei Jahre lang täglich dreimal mindestens eine halbe Stunde lang geschrammelt, sodass meine Gattin zwischendurch mal fragte, ob ich einen Weltrekord im Gitarrespielenlernen aufstellen wolle. U.s Gefährtin fragte mich ernsthaft, warum ich mir so was in meinem hohen Alter noch antäte. (Ich war 54!). Meine Antwort: Wenn ich irgendwann noch mal irgendwo mitmachen will, muss ich mich sputen, denn man wird ja nicht jünger!

Nach acht Tagen taten mir die Fingerkuppen der linken Hand so weh, dass ich ernsthaft in Erwägung zog, einen Pott mit Eiswasser neben mein Bett zu stellen, um die Flosse darin einzutauchen, damit ich einschlafen konnte. Das Grausamste war, dass in fast allen Songs, die mir die Liebsten waren, so vertrackte Akkorde wie Bb, H-Moll, F-Dur und Eb (auch D# [sprich: Dis] genannt) drin vorkamen, die für einen Anfänger mordsmäßig schwer zu greifen sind. Total einfach sind diese Akkorde allerdings zu greifen, wenn man die sogenannte Barré-Grifftechnik beherrscht, die einem Anfänger freilich wie eine Hinterlassenschaft der Inquisition vorkommt. Hat man sich da aber mal durchgekämpft, kommt einem die Welt gleich viel  schöner vor... Spätestens dann stellt man auch fest, dass das flüssige Greifen allein es auch nicht bringt, denn nun erkennt man, dass es mit der Rhythmik auch ganz schön hapert. So führt eins zum anderen, und irgendwann sagt man sich: Wenn ich "Lay Lady Lay" flüssig runterspielen kann, kann ich wirklich Gitarre spielen. Inzwischen kann ich das ganz locker runterspielen, aber nun sag ich: Wenn du "Layla" spielen kannst, kannst du Gitarre spielen... frown Seufz.

Nach drei Monaten kaufte ich mir bei Hardline eine eigene Gitarre: Das Pfadfinderinstrument war ziemlich betagt und hatte nur 60 Mark gekostet; mit so ’nem Ding konnte der künftige Neil Young nirgendwo Karriere machen. Ich kaufte mir also eine Ortega-Klampfe für € 180. Nachdem ich damit ein paar Monate geschrammelt hatte, konnte ich meinem Spezi U. fehlerlos und fast stabil „Bright Side of Life“ vorspielen. Er erkannte sofort meine unglaubliche Begabung und förderte sie, indem er mir eine E-Gitarren schenkte. Ich war nicht nur begeistert, ich kaufte mir auch ein Plektrum!

Da ich ein Jahr zuvor auch gelernt hatte, dass man die Saiten einer Gitarre nicht nur von oben nach unten, sondern auch von unten nach oben beschrammeln kann (und soll), war das Plektrum eine gute Investition. Leider fällt es mir trotz vieler schweißtreibender Übungsstunden auch heute noch leichter, mit den Fingern zu spielen. Das hat mir manche Häme eigebracht (hauptsächlich von Fuzzy), aber seit Micky Friedrich mir erzählt hat, dass Mark Knopfler ebenfalls mit den Fingern spielt, fühle ich mich in guter Gesellschaft.

Obwohl ich dank Spezi U. nun eine E-Gitarre besaß, die einer Fender Stratocaster zum Verwechseln ähnlich sah, handelte es sich doch ein Instrument der Firma Life, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung (ca. 1970) so unbekannt war wie heute. Mit so einem Instrument kann jeder zukünftige Neil Young höchstens bei ’ner Armeshüser-Schülerband einsteigen. Außerdem hatte ich keinen Verstärker! Ein Verstärker musste her! Was aber nützte einem ein Verstärker, wenn man ihn nur dazu benutzen kann, die Töne einer Gitarre zu verstärken, deren Namen niemand kennt? Ich kaufte mir eine mittelpreisige Halbresonanz-Klampfe (€ 420) der Firma Epiphone. Sie sah wie eine Gibson aus und klang auch gut. Wenn ich im Büro unterm Kopfhörer brüllend laute und verzerrte 3-Akkorde-Stücke kloppte, hatte ich immer das Gefühl, ich könnte Gitarre spielen. Später lernte ich dann, dass die Gnade der Verzerrung mir dieses Gefühl nur vortäuschte...

Danach kamen dann die üblichen Anfälle von Irrglauben: Man glaubt, richtig gut könnte man nur auf einer Gitarre der Firma Rickenbacker spielen; richtig gut klingt das alles aber nur durch einen Marshall-Verstärker. Und die Saiten müssen von Gustav Galaxis gewickelt worden sein, und die Plektren der Dagobert Duckschen Plektrenproduktion entstammen. Dann brauchste auch noch Effektgeräte, die die Gitarre rattern, zischen, knarren und heulen lassen. Gitarren vermehren sich übrigens wie die Karnickel. Kaum drehste dich rum, steht ’ne neue da. Irgendwann reichen die Gitarrenständer nicht mehr aus. Dann kauf man sich so ’ne  Art Gewehrständer, auf den sieben Klampfen drauf passen. Und wenn du nicht aufpasst, hast du bald zwei von diesen Ständern! (Mein guter alter Freund Wolli besitzt mindestens zwanzig von diesen Dingern! Wenn man bei dem daheim aufm Sofa Platz nehmen willst, muss man erst mal einen Fender-Bass beiseite räumen).

Ehe ich mich versah, standen bei mir zwölf Gitarren rum. Früher hab ich das mit Büchern gemacht. Ich habe mal 10.000 Bücher besessen. Kann man das glauben? Man glaubt es nicht. Oder man stellt mir die Standardfrage: „Hast du die alle gelesen?“

Ich kann aber sagen, dass ich diese Krankheit überwunden und alles verscherbelt habe, was bei mir nur so rumstand. Ich seh gerade, mein Gitarrenständer hat noch für zwei Klampfen Platz.